Allergische Kreuzreaktionen

Was versteht man unter einer allergischen Kreuzreaktion?

Salopp ausgedrückt versteht man unter einer Kreuzreaktion, dass unterschiedliche „Substanzen“ gemeinsame Allergene aufweisen. Leicht zu verstehen ist das, wenn die „Substanzen“ der gleichen botanischen oder zoologischen Familie angehören. Schwerer ist das schon zu verstehen, wenn das nicht zutrifft. Aber so etwas gibt es auch.

So besteht zwischen den Süßgräsern wie z.B. Pollen von Phleum pratense, Dactylis glomerata, Lolium perenne, Holcus lanatus  Poa pratensis etc. aber auch Roggen eine 100%ige Kreuzreaktion.

Für den Gräserpollenallergiker bedeutet das, wenn er z.B. auf die Pollen von Phleum pratense allergisch reagiert bzw. sensibilisiert ist, er auch auf die von z.B. Dactylis glomerata und  Roggen allergisch reagieren wird.

Zur spezifischen Immuntherapie (SIT) können somit Allergenextrakte eingesetzt werden, die sich aus den kreuzreaktiven Gräserpollen, wie z.B. einer 6-Gräser-pollenmischung, zusammensetzen, oder der Allergenextrakt nur aus. Phleum pratensepollen besteht.

Eine solche 6-Gräserpollenmischung kann auf Grund der stark ausgeprägten Kreuzreaktion wie ein einzelnes Gras angesehen werden.

Verschiedene Allergiefirmen verfolgen dabei unterschiedliche Philosophien. Einige setzen nur Phleum pratensepollen andere eine 6-Gräserpollenmischung zur SIT ein. Diese werden oft auch noch chemisch modifiziert und zwar zum Allergoid.

 

Bei den Baumpollen ist am wichtigsten die Kreuzreaktion zwischen den Pollen der Birke, Erle und Hasel. Alle gehören der botanischen Familie der Betulacaen an. In der Praxis heißt es, dass wenn man auf die Birkenpollen allergisch reagiert man auch auf die Haselpollen allergisch reagieren wird. Die können schon, wenn der Winter recht warm ist, im Dezember fliegen, wohingegen die Birke- und Erlenpollen erst im März/April sich in der Luft befinden und bei entsprechend disponierten Personen die bekannten allergischen Symptome hervorrufen können. Somit zieht sich der Leidensweg der Birkenpollenallergiker über mehrere Monate hin.

Zur SIT kann sowohl die 3 Baumpollenmischung Birke, Erle, Hasel eingesetzt werden als auch nur z.B. die Birke. All das basiert auf der sehr stark ausgeprägten Kreuzreaktion zwischen den drei Baumpollenarten.

 

Zu den Oleacaen zählen die Esche, Flieder und Ölbaumpollen. Auch da liegt eine Kreuzreaktion vor. So sollte ein Eschepollenallergiker/in nicht gerade Urlaub z.B. in Griechenland machen wenn die Ölbaumpollen fliegen. Er/sie wird da die gleichen allergischen Probleme bekommen wie zu Hause in Deutschland wenn die Eschepoll

en fliegen und er /sie inhaliert und es zu den bekannten allergischen Symptomen kommt.

 

Eine partielle Kreuzreaktion gibt es zwischen den Pollen der Esche (Oleacae) und Birke (Belulacae). Ganz sinnvoll ist es deshalb, wenn Birkenpollenallergiker auch auf die Esche hin getestet werden und umgekehrt. Das kann z.B. über den Haut-Prick-Test oder die spezifische IgE-Messung erfolgen.

 

Im Hausstaub sind die wichtigsten Hausstaubmilben Dermatophagoides ptero-nyssinus, Dermatophagoides farinae und Euroglyphus maynei.

Ich konnte zeigen, dass zwischen diesen drei Hausstaubmilben eine Kreuzreaktion besteht.

Häufig wird zur SIT eine Mischung 50% Dermatophagoides pteronyssinus und 50% Dermatophagoides farinae eingesetzt. Auf Grund der sehr stark ausgeprägten Kreuzreaktion würde wohl zur SIT auch nur die Hausstaubmilbe Dermatophagoides pteronyssinus genügen. So wird es in Schweden gehandhabt.

Die stark ausgeprägte Kreuzreaktion zwischen den beiden Hausstaubmilben Dermatophagoides pteronyssinus und Dermatophagoides farinae konnte u.a. über die SDS-PAGE und den Westernblot belegt werden. So wiesen sie ein sehr gut vergleichbares Protein (SDS-PAGE) und Allergenmuster (Westernblot) auf. In beiden Hausstaubmilben konnten die Allergene der Gruppe I und II erkannt werden, was man über das Molekulargewicht der Allergene der Gruppe I und II leicht feststellen kann.

Diese hohe Kreuzreaktion konnte auch durch spezifische IgE Messungen, durchgeführt mit 25 Seren von Hausstaubmilbenallergikern, belegt werden. Es wurden mit allen drei Hausstaubmilben Dermatophagoides pteronyssinus, Dermatophagoides farinea und auch Euroglyphus maynei sehr vergleichbare Allergenklassen gemessen Der Mittelwert lag zwischen Klasse 3,2 bis 3,9. Zur Messung wurde der Allergenscheiben EAST (Enzym Allergo Sorbent Test) eingesetzt, wobei die 25 Seren mit den drei unterschiedlichen Hausstaubmilben-Allergenscheiben gemessen wurden.

Zur spezifischen IgE-Messung in Seren/Plasmen von Patienten stehen noch andere spezifische IgE-Tests zur Verfügung.

Neben den Hausstaubmilben gibt es noch die Vorratsmilben wie Acarus siro, Tyrophagus putrescentiae etc. Hier liegt aber keine Kreuzreaktion zu den Hausstaubmilben wie z.B. zu Dermatophagoides pteronyssinus vor. Selbst innerhalb der Vorratsmilben liegt wohl keine Kreuzreaktion vor.

Auch zwischen den Kräuterpollen wie von Beifuss und Wegerich liegt keine Kreuzreaktion vor.

Diskutiert wird eine partielle Kreuzreaktion zwischen den Pollen von Beifuss und dem bei uns relativ neuen Allergen Ragweed (Traubenkraut, Ambroia). Meine Untersu-chungen ergaben allerdings, dass da keine Kreuzreaktion vorliegt, was mit unter-schiedlichen Hemmtestversuchen gezeigt werden konnte.

 

Zur Belegung einer Kreuzreaktion müssen entsprechende Hemmtestversuche durchgeführt werden, wie der EAST/RAST Hemmtest und die Westernblotinhibition. Die spezifische IgE Messung kann nur einen kleinen Hinweis auf eine Kreuzreaktion liefern. Oft liegt nämlich auch keine Kreuzreaktion vor, sondern eine unabhängige Cosensibilisierung. Da bringen die Hemmtestversuche Klarheit.

Noch einmal kurz zur Erinnerung, salopp ausgedrückt versteht man unter einer Kreuzreaktion das unterschiedliche „Substanzen“ gemeinsame Allergene aufweisen.

Dass das nicht ungewöhnlich bei „Substanzen“ ist, die der gleichen botanischen und zoologischen Gruppe angehören, darauf wurde schon eingegangen, aber es gibt davon auch Abweichungen.

So gibt es das pollenassoziierte Nahrungsmittelallergensyndrom. So können Birkenpollenallergiker auch allergisch auf Äpfel reagieren. Hier sind es besonders Granny Smith und Golden delicious, also nicht die alten Sorten, die man noch aus dem Garten der Großmutter kennt, die weisen eine geringere Allergenität auf als Granny Smith und Golden deliciious. Das Allergen Profilin (Bet v 2); Bet v1 und Mal d1 spielen bei dieser Kreuzreaktion eine Rolle. Profilin wird auch wie das Tropömyosin als Panallergen bezeichnet.

Mit dem Reifegrad der Äpfel nimmt die Allergenität zu. Mit dem von mir entwickelten Stick-INA-Test (Individuelle Native Allergiediagnostik) konnte ich nachweisen, dass sich die Allergene direkt unter der Schale und nahe am Kern des Apfels befinden.

Also Birkenpollenallergiker müssen die Allergie auf Äpfel mit bedenken. Aber sie können auch auf Nüsse, oft Haselnüsse, bedingt durch die Kreuzreaktion, allergisch reagieren, Karotte und rohe Tomaten.

Beifusspollenallergiker können auf Gewürze und Sellerie allergisch reagieren. Man spricht hier vom Beifusspollen-Gewürz-Selleriesyndrom, das vor einigen Jahren noch mit Lychee ergänzt wurde.

Ragweed (Traubenkraut, Ambrosia) zeigt eine Kreuzreaktion zu Melone und Kamille und Gräser partiell auf Kiwi, Kartoffel (roh) und Erbse.

Das muss aber nicht heißen das man immer auf die kreuzreaktiven Nahrungsmittel allergisch reagieren muss. Es ist ein kann und kein Muss, nur sollte man das z.B. als Pollenallergiker wissen das es so etwas gibt, obwohl keine botanische Gruppen-gemeinschaft da besteht. So kann man sich vielleicht als entsprechender Pollenallergiker bestimmte Reaktionen nach dem Genuss von bestimmten Nahrungsmitteln besser erklären. Hier ist besonders auf Sellerie hinzuweisen, dass oft ein verstecktes Allergen ist und z.B. als Gewürz nicht deklariert wird, was für einen Beifusspollenallergiker sehr fatal sein kann.

Hausstaubmilbenallergiker wie Dermatophagoides pteronyssinus können allergische Reaktionen auf Krustaceen, Hummer, Garnele und Shrimps zeigen. Das gemein-same Allergen, das für die Kreuzreaktivität verantwortlich ist, ist das Muskelprotein Tropomyosin. Bei der Hausstaubmilbe Dermatophagoides pteronyssinus wird es Der p 10 genannt.

Bei Latex gibt es z.B. eine Kreuzreaktion zur Banane und zur rohen Kartoffel. Hier ist es bei der Kartoffel das Allergen Patatin. Auch können Latexallergiker auf Ficus benjamina (Birkenfeige) allergisch reagieren. Das ist auf den latexartigen Saft zurück zu führen, den die Blätter aussenden. Der Hausstaub legt sich auf die Blätter, bindet diesen und die damit enthaltenen Allergene, die mit dem Hausstaub von der Person dann eingeatmet werden.

Bei den Tieren wie Katze und Hund wird das entsprechende Albumin als gemeinsames Allergen diskutiert, wobei Katzen- und Hundealbumin als Minorallergen angesehen wird, d.h. kleiner/gleich 25% der entsprechenden Allergiker reagieren  darauf allergisch.

Bei Medikamenten wird eine mögliche Kreuzreaktion zwischen Penicillin und Amoxycillin diskutiert.

 

Einige der wenigen Allergene die keine Proteine sind.

Ich konnte zeigen, dass es eine Kreuzreaktion zwischen der Gelatine, z.B. verarbeitet in Gummibärchen, und Volumenersatzmittel/Plasmaexpander gibt, das aus einer modifizierten Gelatine besteht. Auch konnte eine Kreuzreaktion zwischen Katzenhaaren und Schweinefleisch ermittelt werden und der Küchenschabe Periplaneta americana und Blatella germanica. Das ist wieder leichter zu verstehen, denn sie gehören der gleichen zoologischen Familie an.

Können denn nun Nahrungsmittelallergien über die klassischen assoziierten Allergene therapiert werden? Die Datenlage ist dazu noch nicht so hoch. Es konnte aber gezeigt werden, dass nach der spezifischen Immuntherapie (SIT) mit einem Birkenpollenpräparat die Patienten wieder besser Äpfel vertragen konnten. Mehr ist mir zu diesem Ansatz noch nicht bekannt. Ich denke da Gewürze SIT mit Beifusspollen oder Garnele mit der Hausstaubmilbe Dermatophagoides pteronyssinus. Ich persönlich bin ein Fan von diesen Ansätzen.

Bei entsprechend durchgeführten SIT sollte der Allergologe/in auch nach der Verträglichkeit der kreuzreaktiven Nahrungsmittel mit fragen.

Hier noch etwas spannendes.

Eine Patientin reagierte allergisch auf Ihr Parfüm, wie mir ein Arzt telefonisch mitteilte. Was kann man da machen? Ich dachte Parfüm, was wird da so verarbeitet etwas von Blumen, Gewürzen. Ich sagte ihm er solle die Patientin auf Beifusspollen testen. Der Haut-Prick-Test  durchgeführt mit einer Beifusspollen-Pricktestlösung war positiv. Da sagte ich ihm, er solle eine SIT mit einem Beifusspollenpräparat durchführen, was er machte. Es dauerte nicht lange da teilte er mir mit, dass die Patienten durch die SIT mit dem Beifusspollenpräparat ihr Parfüm wieder vertragen konnte. Also lag da wohl auch eine Kreuzreaktion vor, denn Beifusspollen werden bestimmt nicht in einem Parfüm mitverarbeitet.

Der Ansatz war richtig, die Patientin, der Allergologe und ich waren zufrieden.

Ich bin der Meinung das den Kreuzreaktionen bei der Beurteilung und Behandlung allergischer Erkrankungen viel mehr Beachtung geschenkt werden sollte als bis jetzt, besonders auch zum Wohle des Patienten.

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